Ins Schokoladenhaus … und darüber hinaus

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Diese Binsenweisheit gilt auch für Umzugspläne, erst recht (womöglich) für die öffentlicher Einrichtungen. In jedem Fall aber gilt sie für die im Folgenden beschriebenen Ereignisse.

Ende Januar 1966 war in den „Stadtnachrichten“ der Amberger Zeitung lesen, die bis dato im „Klösterl“, dem heutigen Luftmuseum, residierende Stadtbibliothek, werde bereits im April des

Die Filiale des Bayerischen Schokoladenhaus in der Bahnhofstraße 1 im Jahr 1972

Die Filiale des Bayerischen Schokoladenhauses in der Bahnhofstraße 1 im Jahr 1972 (StadtAAm Fotosammlung 851-068-001 Foto:Paulus)

Fotosammlung 851-068-001

Jahres ein neues Domizil beziehen:
Das ehemalige „Schokoladenhaus“ am Marktplatz 11, heute wohlriechender Sitz einer Parfümerie. Bei besagter Heimstatt (meist) kakaohaltigen Naschwerks handelte es sich um eine von zwei

Amberger Filialen des „Bayerischen Schokoladenhaus“, einem am 13. Januar 1920 gegründeten Familienunternehmen, dessen Firmenzentrale sich seither in Würzburg befand und letztlich auch heute noch befindet. Dessen bisheriger Standort rechts der Vils war ein Stück weiter Richtung Bahnhof verschoben worden, nämlich in die Bahnhofstraße 1, während der zweite Standort in der Georgenstraße 29 erhalten blieb. Beide Geschäfte bestanden bis 1985. In diesem Jahr veräußerte die Eignerfamilie Bremer ihr Unternehmen an Peter Hülsemann, der sich allerdings – wenigstens zunächst – von den nicht länger wirtschaftlichen Filialbetrieben trennte.

Jedenfalls, die Stadtbücherei, die bis Juni 1964 noch die Bezeichnung „Städtische Volksbücherei“ führte , sollte ihren bisherigen Standort im „Klösterl“ verlassen. Oberstadtbaurat Erwin Forster begründete diese Entscheidung im Februar 1965 ganz offiziell und schriftlich wie folgt:

Die räumliche Begrenzung und abseitige Lage der Stadtbücherei im Gebäude des Heimatmuseums in der Eichenforstgasse zwingt zu einer Verlegung an eine verkehrsmäßig günstigere Stelle. Hierzu wurden von der Stadt Amberg die Räume im Erdgeschoß an der Südwestecke des Rathauses (bisher Schokoladenhaus) vorgesehen.

Das "Klösterl" in der Eichenforstgasse, heute Standort des Amberger Luftmuseums im Jahr 1972. Bis 1966 war hier auch die Stadtbücherei Amberg untergebracht.

Das "Klösterl" in der Eichenforstgasse, heute Standort des Amberger Luftmuseums, im Jahr 1972. Bis 1966 war hier auch die Stadtbücherei Amberg untergebracht. (StadtAAm Fotosammlung 851-144-006 Foto:Paulus)

Die Begründung leuchtet grundsätzlich ein, umso mehr, als ein Vergleich der zur Verfügung stehenden Flächen zeigt, dass der „Volksbücherei“ bis dato im „Klösterl“ gerade einmal 80 qm zur Verfügung standen. Diesem bescheidenen Raumangebot stand im „Schokoladenhaus“ eine nutzbare Fläche von 152 qm gegenüber, davon 51 qm auf einer neu eingerichteten Galerie als zusätzliches Obergeschoß, die angesichts der vorhandenen Raumhöhe von deutlich über fünf Meter problemlos eingerichtet werden konnte. Interessant ist jedoch, dass die ursprünglichen Planungen gerade die in späteren Presseberichten stets lobend hervorgehobene Galerie überhaupt nicht vorgesehen hatten. Die Verlegung an den Marktplatz hätte demnach nicht einen einen Flächenzuwachs um 72, sondern lediglich um lächerliche 21 qm erbracht. Die Anregung, die neuen Räume um eine Galerie zu ergänzen, stammte tatsächlich gar nicht aus Amberg, sondern kam vom Leiter der Staatlichen Beratungsstelle für Volksbüchereien in Regensburg, Dr. Alfred Teichmann. Dieser hatte sich am 23. September 1964 brieflich an Bürgermeister Graf von Spreti, als Kulturreferent nominell auch Chef der Stadtbücherei, gewandt und erklärt:

Nach dem gestrigen Besuch in Amberg kam mir die Gedanke, ob man nicht die Höhe Ihres neuen Vb [Volksbücherei]-Raumes durch eine Galerie ausnützen und so die Stellwand verdoppeln könnte. […] Nun, mein gestriger Besuch in Amberg war ein Lichtblick und heißt mich hoffen.

Ein am selben Tag verfasster Brief Teichmanns an die Adresse des tatsächlichen Leiters der Stadtbücherei, Hauptschulrektor i. R. Adolf Prasse, gewährt allerdings wesentlich tiefere Einblicke in die Frühzeit des öffentlichen Bibliothekswesens der Stadt Amberg.

Dessen Geschichte beginnt in der Tat gar nicht so viel früher, wie die ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Amberg, Veronika Hein, 1983 resümierte:

Seit 1947 bemühte sich der Amberger Stadtschulrat Joseph Schmitt unter großem persönlichen Einsatz um die Gründung einer städtischen Volksbücherei. Aufrufe zu Bücherspenden ließen eine bescheidene Sammlung entstehen, die im Archiv untergebracht war.
Erstmals 1949 bewilligte der Stadtrat zum Ankauf von Büchern einen Etat von 1000 DM. Es dauerte aber noch, bis die Volksbücherei, nun in eigenen Räumen im Klösterl, am 8. Juli 1950 eröffnet werden konnte. 1186 Bände standen den Lesern zur Verfügung. […] 1951 wurden nach der Auflösung des im Casino untergebrachten Amerikahauses der Bestand der dortigen Lesehalle als Leihgabe an die Stadt der Volksbücherei im Klösterl zugeordnet. Die 2200 Bände, davon ca. 700 in deutscher Sprache, stellten eine wesentliche Bereicherung des Buchangebotes dar. 1957 ging dann der Bestand der deutsch-amerikanischen Bücherei als Schenkung in den Besitz der Stadt über. 1958 verlor die städtische Volksbücherei ihren unermüdlichen Förderer, Stadtschulrat Schmitt.

Besagter Joseph Schmitt - er starb am 06. Oktober 1958 - war bereits 1945 mit dem Amt des Stadtschulrats betraut worden. Neben der maßgeblichen Beteiligung an zahlreichen wegweisenden Projekten – etwa der Errichtung der Volksschule in Ammersricht und der Dreifaltigkeitsschule – hatte Schmitt nicht nur von 1945-1949 das Stadtarchiv betreut, sondern auch das Amberger Volksbildungswerk (die heutige Volkshochschule Amberg) und eben die Volksbücherei ins Leben gerufen.

Womöglich ähnlich begeistert in der Sache aber offenbar minder erfolgreich war Adolf Prasse, Hauptschulrektor im Ruhestand, der der jungen Bücherei „[…] von Anbeginn an […]“ als Leiter zur Verfügung stand.
Dieser engagierte Ruheständler erhielt jedenfalls in dem schon genannten zweiten Schreiben Dr. Alfred Teichmanns einen veritablen Rüffel:

Daß Sie durch Werbung neue Leser gewinnen konnten, ist erfreulich und war hohe Zeit. Die Zahl Ihrer Leser in der Jahresstatistik 1963 bedeutete einen Tiefstand.
Sie bekommen in Kürze einen neuen Vb-Raum, der leider nicht größer [der Vorschlag einer Galerie datierte bekanntlich vom selben Tag], aber wesentlich zentraler liegt. Wenn er so kultiviert gestaltet wird wie etwa das städtische Verkehrsamt, so würde ihre Bücherei sehr gewinnen, vorausgesetzt, daß endlich Ihr Buchbestand durch eine gründliche Aussonderung und Überholung verjüngt wird.
Wichtig wäre auch eine Änderung der Ausleihezeiten, die mehr auf die Bedürfnisse der Leser einzurichten wären. Wenn Sie den Versuch machen wollten, von Montag einschließlich Samstag jeweils an den gleichen Stunden am Nachmittag auszuleihen, würden Sie am Samstag den meisten und am Montag den zweitstärksten Betrieb haben. An beiden Tagen aber ist Ihre Bücherei unverständlicherweise geschlossen. […] Der Erfolg Ihrer Bücherei stand 1983 einfach in keinem Verhältnis zum Gesamtaufwand für diese Bücherei. […] Der Erfolg einer Bücherei hängt […] nicht nur von der Werbung ab. Ihre Ausleihezeiten müssen dem Leser entgegen kommen, der Raum muß eine kultivierte Atmosphäre ausstrahlen, der Buchbestand gut gepflegt und erschlossen sein usw.

Das war schon einmal starker Tobak für den guten Prasse, der ohnehin genug eigene Sorgen hatte. Diese kreisten nach Lage der Dinge allerdings vornehmlich um eine Erhöhung seines Salärs. Erhielt er seit dem Jahr 1960 für seine nebenamtliche Tätigkeit monatlich immerhin 250,- DM ausgezahlt bat er im April 1965, man möge die Höhe seiner Bezüge doch überprüfen, zumal sein „[…] Mitarbeiter durch seine im Dezember 1962 erfolgte Anstellung jetzt monatlich fast DM 500,- Netto […]“ erhalte. Einleuchtend, dass es dem Chef nicht gefallen kann, wenn er weniger verdient, als seine Mitarbeiter.
Mutig erscheint der Vorstoß dennoch, zumal Prasse gerade mal ein Vierteljahr zuvor, im Januar 1965, den aufmerksamen Chef der Staatlichen Beratungsstelle für Volksbüchereien, erneut verärgert hatte. Dr. Teichmann, immerhin derjenige, der über jährliche staatliche Beihilfen von seinerzeit 5.600 DM für die Stadtbücherei zu entscheiden hatte, monierte mit einigem Nachdruck die Amberger Jahresstatistik für 1964:

In der Jahresstatistik haben wir unter Ausgaben die Miete und den Zuschuß für die Provinzialbibliothek abgesetzt. Bei letzterem Zuschuß handelt es sich nicht um eine Leistung für die Stadtbücherei und bei der Miete handelt es sich um eine Umbuchung (Die Stadt zahlt an die Stadt!).
Wieso haben Sie übrigens die Miete für die gleiche Fläche von DM 400,44 im Jahre 1962 auf dem [sic] 2.894,40 in den Jahren 1963 und 1964 gesteigert? Das ist doch Wucher!
In der Zweitschrift der Jahresstatistik müssten Sie nun unter Einnahmen bei den Gemeindemitteln die [bisherige Summe von] DM 13.692,47 in DM 10.498,07 abändern [abgezogen wurde nämlich die Summe aus dem Zuschuss an die Provinzialbibliothek und den gerügten Mietzahlungen].
[…] Die Eigenleistung der Stadt Amberg für ihre Stadtbücherei betrug 1964 mithin DM 12.717,87, das sind über die Personalkosten hinaus nur rund DM 1.500,-
Dafür hat ja aber Amberg für 1965 mit der Stadtbücherei große Pläne.

Dieses Schreiben dürfte für die Verantwortlichen der Stadt Amberg durchaus unangenehm gewesen sein. Wenngleich im Rückblick kaum mehr weiter gehende Einblicke in den Fortgang bzw. die denkbare Vorgeschichte des angespannten Verhältnisses zwischen Beratungsstelle und Stadtbücherei zu erwarten sein dürften, scheint die Verstimmung Dr. Teichmanns – gerade wegen seiner bereits zuvor geäußerten Kritik – durchaus einleuchtend, umso mehr, wenn man in Betracht zieht, dass die Personalkosten mit rund 11.200,- DM knapp 50% des gesamten Finanzaufwands der Bücherei ausmachten – und das bei nur zwei Beschäftigten, von denen keiner eine Fachqualifikation besaß.

Dennoch ging die Nachricht vom unzeitigen Tod Dr. Alfred Teichmanns – er wurde nur 58 Jahre alt – in Amberg nahezu unter. Denn nur zwei Tage bevor diese traurige Mitteilung die Stadt erreichte, dämpfte ein Bescheid des Ministerialbeauftragten für das Volksbüchereiwesen in Bayern, Dr. Franz Xaver Böhm, die Begeisterung für das Umzugsprojekt. Böhm teilte nämlich unumwunden mit, dass die Frage eines Bauzuschusses erst dann behandelt werden könne, wenn die Stadt Amberg in einigen sehr wesentlichen Punkten verbindliche Zusagen gemacht habe. Hierbei ging es um zwei Fragen: Die Größe des öffentlichen Bibliotheksraumes und die fachgerechte Betreuung der Stadtbücherei. Dr. Böhm nahm hier den Ball auf, den der inzwischen verstorbene Dr. Teichmann ihm zugespielt hatte. Als angemessene Relation zwischen Einwohnerzahl und Bücherzahl benannte er ein Verhältnis von 1:1. Wörtlich ergänzte er:

Das bedeutet in Ihrem Falle, daß Gewähr gegeben sein muß, im Endausbau ca. 40.000 Bände fach- und sachgemäß unterzubringen. […] Für 40.000 Bände daher 1.200 qm [Raumbedarf]. Wenn es auch möglich ist, von dieser Normzahl geringfügig abzuweichen, also etwa auf 1.000 qm herunterzugehen, so ist die Differenz zu dem von Ihnen geplanten Raum mit 151 qm doch zu beträchtlich, als daß sie hingenommen werden könnte.

Er bat daher „[…] um eine verbindliche Erklärung […], daß die Stadtbücherei sobald wie möglich durch Einbeziehung des benachbarten Geschäfts vergrössert wird und ausserdem in den

Die Stadtbücherei im ehemaligen Schokoladenhaus. Das Entstehungsjahr der Aufnahme ist unbekannt, sie wurde der Broschüre "Raseliushaus Amberg" entnommen.

Die Stadtbücherei im ehemaligen Schokoladenhaus. Das Entstehungsjahr der Aufnahme ist unbekannt, sie wurde der Broschüre "Raseliushaus Amberg" entnommen.

Stadtrand-Siedlungsgebieten weitere Büchereien geschaffen werden.“ Zudem forderte er ausdrücklich die Einstellung einer bibliothekarischen Fachkraft und mahnte die eilige Erledigung der gestellten Aufgaben an.
Dummerweise wurde diesem nicht ganz unwichtigen Schreiben Dr. Böhms nie eine Antwort zugedacht, weswegen die Staatliche Beratungsstelle in Regensburg der Stadt, namentlich Bürgermeister und Kulturreferenten Graf von Spreti, zu Anfang des Wonnemonats Mai mitteilte, dass der vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus berufene Ausschuss für die Bezuschussung von Bücherei-Bauvorhaben eine Förderung des Amberger Umbau- und Umzugsprojektes abgelehnt hatte.

Als sich im November 1965 mit Hans-Peter Fehse der Nachfolger des verstorbenen Dr. Teichmann brieflich vorstellte, hatte der Stadtrat das ganze Vorhaben längst auf das Jahr 1966 verschoben, nicht ohne jedoch hoffnungsvoll daran festzuhalten, dass man für den erhofften staatlichen Zuschuss in Höhe von rund 12.000,- DM doch noch eine Zusage erhalten wolle.
Besonders überzeugend gestalteten sich diese „Bemühungen“ allerdings nicht. Bereits Anfang Februar 1966 monierte Diplom-Bibliothekarin Gisela Öller für die Staatliche Beratungsstelle, dass die Jahresstatistik (bzw. der Verwendungsnachweis für die staatlichen Zuschüsse)

[…] zu den gleichen Beanstandungen Anlaß gibt wie in den Vorjahren, nur daß sich das Bild von Jahr zu Jahr zuungunsten des Buchbestandes verschiebt und Sie im Jahre 1965 nur noch eine Eigenleistung der Stadt in Höhe von 1.382,- DM für Bücher- und Möbelkäufe!! zu verzeichnen haben.

Auch die Übernahme einer weiteren privaten Leihbücherei – offenbar eine gern gepflogene Praxis von Büchereileiter Prasse – wurde massiv kritisiert, da „[…] 95% der erworbenen Titel für eine öffentliche Bücherei untragbar sind […].

In den darauf folgenden Wochen geschah Folgendes: Adolf Prasse erhielt die ersehnte Erhöhung seiner monatlichen Entschädigung und konnte sich rückwirkend zum 01. Januar 1966 über nunmehr 350,- DM monatlich freuen. Dass durch diese Anfang März, also nur wenige Wochen nach dem Öllerschen Schreiben umgesetzte Maßnahme, die ohnehin niedrige Eigenleistung der Stadt Amberg faktisch auf nahezu Null gemindert wurde, fand keinerlei Würdigung.

Nahezu zeitgleich ließ Bürgermeister Graf von Spreti gleich zwei Treffen mit der zurecht erzürnten Gisela Öller platzen, wenngleich es doch die Stadt Amberg gewesen war, die offenbar um die Hilfe der Staatlichen Beratungsstelle bei der Neuorganisation des Buchbestandes ersucht hatte.

Anfang Mai ließ der Graf dann in einem – als Durchschlag leider nicht dokumentierten – Schreiben beiläufig wissen, dass man den Umzug der Bibliothek sehr zeitnah ins Auge gefasst habe. Die Beratungsstelle in Person von Frau Öller teilte dem Bürgermeister und Kulturreferenten daraufhin nachdrücklich mit, dass er unter diesen Voraussetzungen auf eine Mitarbeit der Beratungsstelle bei der Neuorganisation der Bücherei verzichten müsse. Von Spreti quittierte diesen scheinbaren Affront offenbar mit einem reichlich larmoyanten Auftritt bei der Regierung der Oberpfalz in Regenburg, wo er Oberregierungsrat Dr. von Braunbehrens gegenüber „[…] Bedenken über die Praktiken der Beratungsstelle […] äußerte – eine Vorhaltung, die die beschuldigte Stelle nach entsprechender Aufforderung durch den enervierten von Braunbehrens in einer überaus lesenswerten Stellungnahme nicht nur in der Sache zurückwies sondern auch der Lächerlichkeit preis gab.

Der sehr umfangreiche Text kann hier natürlich nicht in Gänze wiedergegeben werden. Eine der maßgeblichen Passagen verdient jedoch die Würdigung in Form eines ausführlichen Zitats:

Die Stadtbücherei bezieht im Jahre 1966 neue Räume. Es ist aus fachlicher Sicht jedoch undenkbar, den vorhandenen Buchbestand als Freihandbücherei aufzustellen. Wie bereits erwähnt, entspricht der Bestand bei den Romanen dem Niveau einer Leihbücherei. Die Bestände der Sachbuchabteilung sind dürftig und total veraltet. Die Buchbestände sind weder systematisch aufgestellt, noch technisch für eine Freihandaufstellung vorbereitet.
Die Beratungsstelle hat sich deshalb bereit erklärt, diese Arbeiten für die Stadt Amberg durchzuführen. […] Es ist ein tatsächliches Entgegenkommen der Beratungsstelle, die jahrelang durch die Stadt Amberg versäumten Arbeiten durchzuführen, um so der Stadt Amberg zu einer funktionierenden Bücherei zu verhelfen.
Wie weit die Bücherei Amberg von diesen Zielen entfernt ist hat eine kürzliche Sichtung des Bestandes […] deutlich gezei[g]t. In den verschiedensten Sachgruppen wie Religion, Philosophie, Kunst usw. ist nicht ein einziges Buch vorhanden. Bestände anderer Gruppen wie Technik, Naturwissenschaften sind so veraltet, daß auch diese Bücher für die Stadtbibliothek wertlos sind. Die Gruppe Geschichte setzt sich lediglich aus Buchbeständen ehemaliger amerikanischer Büchereien zusammen und ist veraltet und tendenziös.
Aus fachlicher Sicht mußte ich feststellen, daß durch Jahre hindurch versäumt wurde, einen systematischen Bestandsaufbau zu betreiben.

Natürlich war es nicht mehr möglich, all die beschriebenen Mängel bis zu dem zuletzt für Oktober 1966 geplanten Umzug zu beheben. Genau genommen gibt das erhaltene Aktenmaterial nicht einmal Hinweise darauf, ob, bzw. wann dies überhaupt versucht wurde.
Fakt ist, dass der ursprünglich schon für die erste Jahreshälfte 1966 ins Auge gefasste Akt der Einweihung der neuen Räume im „Schokoladenhaus“ erst am 16. Dezember 1966 vollzogen werden konnte. Der entsprechende Zeitungsartikel der Amberger Zeitung vom 17. Dezember 1966 gibt dem aufmerksamen Leser durchaus auch Hinweise auf die vorangegangenen Missklänge zwischen der Stadt und der ungeliebten Beratungsstelle. Dies umso mehr, da deren neuer Leiter, Hans-Peter Fehse, anlässlich der feierlichen Eröffnung einige deutliche Worte fand um die notwendige weitere Entwicklung der Stadtbücherei zu skizzieren.

Dennoch änderte sich nach dem Umzug zunächst nichts Wesentliches an der althergebrachten Arbeitsweise der Bücherei und ihres Leiters Adolf Prasse – der jedoch aufgrund stark angestiegener Ausleihzahlen gezwungen war, sein Arbeitspensum deutlich zu erhöhen. Dem entsprechend trug sein Vorgesetzter, Graf von Spreti, auch alsbald den Wunsch vor, man möge dem verdienten Manne entsprechend einmal mehr höhere Bezüge zuteilwerden lassen. Dieser Vorstoß zeitigte allerdings unerwartete und für den Präceptor der Stadtbücherei letztlich fatale Folgen:
Der Personalausschuss der Stadt konstatierte mit Datum vom 11. September 1967 zwar, Prasse grundsätzlich eine – geringfügig – höhere Entschädigung zahlen zu wollen. Umgesetzt wurde die Erhöhung indes vorerst nicht, sondern vielmehr laut darüber nachgedacht, ob „[…] eine hauptamtliche Bibliothekarin, die zu 50% vom Staat bezuschußt wird, angestellt werden soll:“ Auch wenn im darauf folgenden Oktober die gewünschte Erhöhung doch noch bewilligt wurde, war dies der Anfang vom Ende der Ära Prasse. Ein Jahr später wurde die Stadtbücherei mit einer Diplom-Bibliothekarin hauptamtlich besetzt. Veronika „Vroni“ Hein, seinerzeit gerade einmal 22 Jahre alt, übernahm die anspruchsvolle Aufgabe, die Stadtbücherei so weiter zu entwickeln, dass sie den Anforderungen der Zeit und des Publikums gewachsen war. Fünfzehn Jahre später, 1983, konnte die mittlerweile zweifache Mutter anlässlich des Umzuges der mittlerweile als „Stadtbibliothek“ firmierenden Bücherei schreiben:

1968 wurde eine Diplombibliothekarin als hauptamtliche Leiterin angestellt. Die Einführung der Gebührenfreiheit im Jahre 1969 trug wesentlich zu dem Aufschwung, den die Bücherei von da an erfuhr, bei. Bereits 1969 steigerte sich die Zahl der Entleihungen auf mehr als das Doppelte – 47 060 Bände; die Zahl der Leser verdreifachte sich. Auch der Ausbau des durch eine gründliche Reorganisation auf 8000 Bände verringerten Bestandes konnte durch eine Aufstockung der Haushaltsmittel für Buchanschaffungen 1973 zügig vorangetrieben werden. Heute kann die Bibliothek einen Bestand von 19 700 Büchern vorweisen.

Die Stadtbücherei Amberg kurz vor ihrem Umzug ins "Raseliushaus" im JAhr 1983

Die Stadtbücherei Amberg kurz vor ihrem Umzug ins "Raseliushaus" im Jahr 1983 (StadtAAm Fotosammlung 102-053-055 Foto: AZ/Heider)

Veronika Hein blieb „ihrer“ Bibliothek bis zum 01. August 2007 als „Chefin“ erhalten.

Dass die am 9. Oktober 2015 nach einer umfassenden Modernisierung neu eröffnete Stadtbibliothek mit rund 300.000 Entleihungen eine der am stärksten frequentierten öffentlichen Bibliotheken im Freistaat Bayern ist, ist nicht zuletzt dem unermüdlichen Einsatz dieser trefflichen und willenstarken Frau zu danken – in langen Jahren stets für jedermann erkennbar durch das „Bitte stören“-Schild an ihrer (beinahe immer weit offen stehenden) Bürotür.

Nach den jahrelangen Querelen der 1960er Jahre war diese Entwicklung sicherlich nicht unbedingt zu erwarten – damals beim Einzug ins „Schokoladenhaus“.

Veronika „Vroni“ Hein in dankbarer Freundschaft
gewidmet. Es wird immer „Deine“ Bibliothek bleiben.

(Der Text erscheint inklusive ausführlicher Quellenangaben ab Februar 2016 in Fortsetzungen auch in der "Amberg Information" und kann auch als kostenfreie pdf-Datei beim Stadtarchiv Amberg bestellt werden)

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